Die bösen Killerspiele
Ein ganz normaler Nachmittag im Leben eines Schülers: Raus aus der Schule, ab nach hause und nach dem Essen erst einmal eine Runde Counter Strike.
So ist es bei einem Großteil der in Deutschland lebenden Schüler – aber nicht nur hier, sondern eigentlich überall. Ich würde sogar soweit gehen zu behaupten, das eigentlich fast jeder männliche Schüler und auch eine immer weiter wachsende Gruppe an weiblichen Schülern Counter Strike zumindest schon einmal angespielt hat.
Und dennoch war das erste, über das die großen Nachrichtensender und Portale zu berichten wussten, der Fakt, das der Amokläufer von Winnenden, welcher 15 unschuldige Menschen in den Tod riss bevor er sich selbst richtete, eben jenes “Killerspiel” sein eigen genannt hat und wohl auch gespielt hat.
Aber beginnen wir von vorne:
Es ist der 11. März 2008, früher Vormittag, als die ersten Informationen durchsickern: Ein 17 jähriger ehemaliger Schüler betritt mit einer geladenen Beretta seine alte Schule und beginnt scheinbar wahllos auf Schüler und Lehrer zu feuern bevor er die Flucht antritt und in Wendlingen, über 100KM entfernt vom eigentlichen Tatschauplatz, zwei weitere Menschen erschießt, sich einen Schusswechsel mit der Polizei liefert und sich schließlich nach Zeugenaussagen mit einem Schuss in den Kopf tötet.
Ein Mensch mit normalem Menschenverstand macht sich nun vor allem über zwei Dinge Gedanken:
a) Wie konnte der Junge an die Waffe kommen?
b) Was konnte den Jungen zu einer solchen Bluttat treiben?
Die Presse hingegen stellt sich, der Einfachheit halber, lieber nur eine Frage:
Besass der Junge “Killerspiele?”
Ein wirkliches “Klären” bringt anscheinend keine Auflage oder Quote, also müssen Themen gesucht werden, welche für die “tumbe Masse” klar und verständlich sind – sind “Killerspiele” doch bereits seit Erfurt ganz klar “Die Wurzel allen Übels”. Problematisch ist dabei nicht nur worüber sondern auch wie berichtet wird.
So wiederholte das ZDF beispielsweise seine Beschreibung des Spiels Counter Strike: Source:
“[…] Dann rennen Sie los, immer mit dem Maschinengewehr im Anschlag […] Und dann müssen Sie ballern, sonst sind sie selbst dran. Blut spritzt, bleibt an den Wänden kleben. Sie steigen über die zerfetzte Leiche und warten auf den nächsten Feind.” – diesmal werden hier nach “22 Sekunden ungeschnittenes Counter Strike: Source gezeigt”.
Und tatsächlich: Es spritzt Blut – von “zerfetzten Leichen” ist allerdings nichts zu sehen. Wie auch? Die Models haben zwar eine so genannte Ragdoll Engine, fallen also mehr oder minder physikalisch korrekt zu Boden, aber eben kein “Schadensmodell” – von “Zerfetzen” kann also keine Rede sein.
Wenn dann noch ein anderer Gast besagter Sendung von einem Spiel spricht, in dem man Punkte für das möglichst bestialische “töten” von Menschennachempfundenen Pixeln bekommt und die anwesenden Zuschauer klatschen ist das Thema eigentlich schon durch – da hilft auch kein Alibi-Gast mehr: Die Saat ist gesetzt – es darf geerntet werden. Mal wieder.
Aber schalten wir doch einfach mal auf einen anderen Sender: In diesem Fall der private Sender “n-tv”: Als “Stargast” der Herr Pfeiffer der mal wieder den selben Kram runterleiert: “Killerspiele stumpfen ab” “Werden von der US Armee genutzt” – er gesteht zwar ein, das “Killerspiele” nicht der alleinige Auslöser für einen Amoklauf sein kann.
Interessant hingegen seine Reaktion auf die Anfrage zum Thema Schützenverein: “Schützenvereine sind nicht die Schuldigen – da muss man an die Familie herrantreten”. Moment mal: Bei den Spielen sind es die Spiele – beim Schützenverein, welcher auch noch die Handhabung der Waffen en Detail trainiert, ist es die Familie. Auf Vorschläge zur Lagerung der Waffen im Schützenhaus folgt eine ausführliche Auskunft darüber, was für eine “erotische Beziehung” Männer zu diesen Waffen haben und werden auch darüber aufgeklärt, das es “politisch Unklug” wäre, sich mit den Schützen “anzulegen” weil man ja gewählt werden möchte.
So oder so ähnlich zieht sich die Berichterstattung durch alle Massenmedien: Die Killerspiele sind Schuld – das der Vater über 10 Waffen zuhause gelagert hat und das die Waffe sowie Munition, welche verwendet wurde, höchstwahrscheinlich aus dem Elternhaus stammt, wird gar nicht oder nur “nebenbei” erwähnt – auch das der Junge sich wohl in psychischer Behandlung befunden hat, welche er abgebrochen hat, folgt erst nach den ersten “Skandalmeldungen”.
Somit ist das eigentliche Ziel erreicht: Der “Pöbel” ist zufrieden gestellt und stellt keine Fragen mehr und ein weiterer Punkt im Parteiprogramm für die nächsten Wahlen ist gefunden.
Kommentare
Schöner Artikel!
http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,613288,00.html
Amokläufer verbrachte Abend vor der Tat mit Killerspiel – Ich frage mich, welchem Log die das entnommen haben wollen…
“Auf dem heimischen Computer des Mörders fanden die Fahnder auch etwa 200 Pornobilder, davon mehr als 120 sogenannte Bondage-Bilder, die nackte, gefesselte Frauen zeigen. Neben “Far Cry 2″ hatte K. auch die Schießspiele “Counter Strike” und “Tactical Ops” installiert.”
Soso! Bondage Bilder, Fetischliebhaber sind also auch alles tickende Zeitbomben… Ein Hoch auf die Vorturteile!
Jaja…..es sind immer die Zocker wenn irgendetwas passiert.
1x ein Amoklauf = 100 Millionen Zocker
Ja neeee, is klar!
Wie immer muss zu so einer unglaublichen Tat schon sehr viel zusammenkommen, und dass eine 9mm Beretta mit 3-stellig Munition im Nebenzimmer liegt, das ist absolut fatal..
Zumindest ein wenig kritisch sollten die Hersteller von egoshootern die ganze Sache vielleicht sehen.. Nicht unbedingt auf den Amoklauf bezogen, doch generell find ich die Ernsthaftigkeit und Detailtreue von manchen neuen shootern ein wenig übertrieben…
Evtl kann man auch mal wieder einen Gang zurückfahren, wogegen Gamer sicher protestieren würden
, und die Verkaufszahlen leiden
Spiele aus unserer fernen Jugend, Doom und co, waren damals ja schon einen Aufschrei wert, dann gerade noch akzeptabel, da auf Monster und nicht auf Menschen geschossen wurde. Heutzutage würde das wohl keinen Teenager mehr vorm Ofen vorlocken. Und was bei Rise of the Triad alles “rumgeflogen” ist, das wirkt heut vielleicht wie ein Comic.
Und dass das ständige Konsumieren möglichst realistischer Gewalt zumindest irgendwo abstumpft, das glaub ich dann schon..
Jeder denkt nun mal er weiss selber am besten was noch akzeptabel ist, findet dann aber sicher auch in anderen Bereichen Dinge die er inakzeptabel findet.. so ist es bei Games, Videos, Pornographie usw..
Das “Killerspiel” ansich ist aber sicher nicht verantwortlich für das Leid das angerichtet wurde..












“…werden auch darüber aufgeklärt, das es “politisch Unklug” wäre, sich mit den Schützen “anzulegen” weil man ja gewählt werden möchte.”
Dumm nur, dass keiner daran denkt, dass auch wir Schüler irgendwann mal wählen dürfen. Und dass das ganz eventuell vielleicht auch schon in wenigen Jahren sein könnte.